Halbzeitgespräch mit der Stadtbeschreiberin: Geschichten, die Dortmund neu erzählen

Seit Mai erkundet Clara Cosima Wolff Dortmund und das Ruhrgebiet mit ihrem ganz eigenen literarischen Blick. Zur Halbzeit ihres sechsmonatigen Stadtbeschreiber*innen-Stipendiums resümiert die 32-Jährige: „Ich bin nach wie vor positiv überrascht, dass meine vielleicht idealisierte Vorstellung vom Ruhrgebiet gar nicht so idealisiert ist.“ Besonders beeindruckt sie, wie viele Menschen in Dortmund und der Region eigene kulturelle Projekte aufbauen. „Es scheint hier noch möglich, selbst etwas zu starten“, sagt Wolff. Gerade in der Literatur sieht sie Freiräume und Potenzial. 

Gedicht über Wandel und Erinnerung

Ihre literarische Arbeit führt sie dabei mitten in die Stadt und Region. Sie lebt in einer Wohnung im Hinterhof des Literaturhauses Dortmund. Ihr Projekt ist eine literarische Spurensuche durch Dortmund und das Ruhrgebiet: Clara Cosima Wolff arbeitet an einem Langgedicht über Wandel, Erinnerung und neue Formen von Idylle. Ehemalige Industrieflächen, renaturierte Landschaften und die Spuren des Bergbaus werden darin zu poetischem Material. Ein Beispiel ist die Kiefer: Ihr Holz wurde im Bergbau eingesetzt, sein Knarzen konnte vor einem Einsturz warnen. Heute wachsen Bäume auf vielen ehemaligen Industrieflächen – Vergangenheit und Gegenwart liegen unmittelbar neben- oder übereinander.

Gut erzählte Geschichten verbinden Literatur und Theater

Beim Kennenlerngespräch zur Halbzeit tauschten sich Clara Cosima Wolff und Oberbürgermeister und Kulturdezernent Alexander Kalouti über Literatur, Theater und das Publikum aus. Eine Gemeinsamkeit: die Begeisterung für gut erzählte Geschichten. Alexander Kalouti, der zuvor Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Theaters Dortmund war, betont: „Das Publikum schätzt gut erzählte Geschichten, dafür sprechen die Erfolge von Filmen und Serien genauso wie die Auslastungszahlen beispielsweise der Oper, des Balletts, des Kinder- und Jugendtheaters und des Konzerthauses in Dortmund.“

Geschichten lassen sich auf der Bühne ebenso erzählen wie auf den Seiten eines Buches und manchmal auch in einem Gedicht. Auch die Stadtbeschreiberin beschäftigt die Frage, warum Menschen Erzählungen suchen. Für sie kann dieses Bedürfnis auch die Lyrik erfüllen. „Gedichte können etwas Erzählerisches haben“, sagt sie.

Erste Bücher, neue Formate

Wolff nutzt die Zeit in Dortmund intensiv. Ihr erster Gedichtband „handreichung“ erscheint im August bei kookbooks. Die Texte bewegen sich zwischen Erinnerung, Vergessen, Demenz und Care-Arbeit. Dabei verbindet sie ihre literarische Arbeit mit ihrer früheren wissenschaftlichen Perspektive als Neuropsychologin. Am 1. Oktober stellt sie den Band im Literaturhaus Dortmund gemeinsam mit ihren Verlagskolleginnen Liv Thastum und Nea Schmidt vor.

Bereits am 18. September geht es im Literaturhaus um die Gestaltung von Büchern. Der Gestalter Andreas Töpfer und der Autor und Verleger Robert Stripling sprechen über ihre Arbeit und die Frage: Was ist ein schönes Buch? Wolff möchte damit auch die visuelle Seite von Literatur stärker in den Mittelpunkt rücken: „Wenn man sich für ein Buch entscheidet, finde ich es umso wichtiger, dass es gut gestaltet ist.“

Am 17. September gestaltet sie im Kunstverein einen Abend aus Lesung, Gespräch und kollektivem Lesen. Im Mittelpunkt stehen die Themen ihres Gedichtbands. Im Oktober folgt außerdem eine Veranstaltung zur Lyrikübersetzung und zum gemeinsamen Übersetzen.

Dortmund bleibt Teil ihrer Geschichte

Die Halbzeit in Dortmund bedeutet für Wolff deshalb nicht, einen Schlussstrich zu ziehen. „Ich könnte auf jeden Fall gut noch länger hier sein und weiterwirken“, sagt sie. Einige Vorhaben reichen bereits über das Stipendium hinaus. Für Februar ist eine weitere Lesung im Literaturhaus geplant, auch Workshops zur Literaturvermittlung sollen folgen. Und vielleicht wird aus dem zeitlich begrenzten Aufenthalt sogar mehr: Wolff kann sich vorstellen, dauerhaft in die Ruhrgebietsregion zurückzukehren. Gemeinsam mit ihrem Partner sucht sie nach einem Ort für einen Verlag und zum Leben und Arbeiten.

Das Stadtbeschreiber*innen-Stipendium ist dabei ihr Ausgangspunkt. Sie hat selbst Veranstaltungen initiiert, ihren Gedichtband fertiggestellt und neue Verbindungen geknüpft. Dortmund ist für sie ein Ort, an dem Geschichten entstehen – und an dem es sich lohnt, sie zu erzählen.

Hintergrund

Das Stadtbeschreiber*innen-Stipendium der Stadt Dortmund ermöglicht Autor*innen, sich literarisch mit Transformationsprozessen in Dortmund und der Region auseinanderzusetzen. Das Kulturbüro Dortmund begleitet das Stipendium gemeinsam mit dem Literaturhaus Dortmund und weiteren Partnern der regionalen Literaturszene.

dortmund.de/stadtbeschreiber


Quelle: PRESSE-SERVICE.DE.

Investigativ, lokal verwurzelt, hartnäckig in der Recherche. Konrad Faktenfels bohrt nach, wann andere aufhören zu fragen. Sichere Quellen, klare Haltung, leise Ironie. Seine Texte sind präzise gesetzt, Fakten geprüft, Thesen geschärft wie Kreide auf Schiefertafel.

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