Warum haben manche Menschen bessere Startbedingungen als andere? Und wie sehr bestimmt die soziale Herkunft darüber, welchen Bildungsweg und Beruf jemand einschlagen kann? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Fotografin Susanne Keichel. Ihre Ausstellung „Soziale Gerechtigkeit“ im STADT_RAUM des Museums für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) zeigt, wie gesellschaftliche Ungleichheit den Alltag bestimmt. Zu sehen sind Fotografien und Videoarbeiten aus Schulen, Einrichtungen der Jugendberufshilfe und einem Stahlwerk.
Hände erzählen von möglichen und vorgezeichneten Lebenswegen
Eine Hand, die ein Werkzeug hält. Junge Finger, die Metall bearbeiten, feilen und schleifen. Mit solchen Details erzählt Susanne Keichel Geschichten: Die Hände der Jugendlichen sind noch jung und unverbraucht. Sie könnten später am Schreibtisch arbeiten, Häuser entwerfen oder ganz andere Berufe ausüben. Doch wie werden sie in einigen Jahrzehnten aussehen, wenn sie täglich körperlich schwere und monotone Arbeit verrichten?
So macht Susanne Keichel sichtbar, was soziale Ungleichheit für einzelne Lebenswege bedeutet. Ihre Fotografien erzählen nicht von individuellen Schicksalen, sondern von gesellschaftlichen Strukturen. Sie zeigen, wie früh sich Möglichkeiten verengen können und wie schwierig es ist, aus vorgezeichneten Bahnen auszubrechen.
Die Ausstellung gliedert sich in die Themenbereiche Schule und Arbeit. Ausgangspunkt ist Keichels Beobachtung, dass soziale Herkunft häufig den Bildungsweg bestimmt – und dieser wiederum die beruflichen Möglichkeiten beeinflusst. Die Künstlerin beschreibt diesen Zusammenhang als eine Art Umlaufbahn: „Die soziale Herkunft führt eben meistens zu bestimmten Bildungsabschlüssen. Und diese Bildungsabschlüsse führen dann in bestimmte Berufe oder erschweren oder verunmöglichen den Zugang zu vielen anderen Berufen.“
Keine Einzelschicksale, sondern Bilder gesellschaftlicher Verhältnisse
Für ihre fotografische Arbeit hat Susanne Keichel über mehrere Jahre eigene Erfahrungen und Beobachtungen gesammelt. Die Künstlerin, die selbst aus einem nicht-akademischen Elternhaus stammt, arbeitete drei Jahre lang an einer Schule in Dresden. Dort begleitete sie Jugendliche in einem Programm, das sich für mehr Bildungsgerechtigkeit einsetzt. Dabei erlebte sie, wie stark soziale Herkunft und familiäre Lebensumstände die Bildungschancen beeinflussen.
Diese Erfahrungen übersetzte sie in Fotografien. In der Ausstellung sind unter anderem Jugendliche in Klassenzimmern zu sehen, aber auch Arbeitsplätze, Werkzeuge und Situationen aus der beruflichen Ausbildung. Für weitere Aufnahmen begleitete Keichel ein Jahr lang Jugendliche in der Duisburger Werkkiste, einer Einrichtung der Jugendberufshilfe. Dort lernen junge Menschen unter anderem den Umgang mit Metall und Holz sowie Maler- und Lackierarbeiten kennen.
Keichel richtet den Blick dabei bewusst nicht auf einzelne Personen und ihre Geschichten. Viele Menschen sind nur indirekt oder anonymisiert zu sehen – etwa über ihre Hände, ihre Arbeitskleidung oder ihre Umgebung. „Ich will nicht, dass man die Leute identifiziert und in traurige Gesichter guckt und denkt: Oh, die Armen“, erklärt die Künstlerin. Die Abgebildeten stehen vielmehr stellvertretend für eine gesellschaftliche Gruppe und ihre Lebensbedingungen.
Ergänzt werden die Fotografien durch Aufnahmen aus dem Duisburger Stahlwerk von thyssenkrupp. Sie zeigen die industrielle Arbeitswelt und die körperlichen Anforderungen, die sie an die Beschäftigten stellt. Auch hier erzählen Details wie Hände, Werkzeuge und Schutzbrillen von den Menschen hinter den Produktionsabläufen.
Zwei Filme geben Jugendlichen und Beschäftigten eine Stimme
Neben den Fotografien zeigt die Ausstellung zwei Videoarbeiten. In „Fragmente sozialer Realitäten“ kommen sechs Jugendliche zu Wort, die Keichel während ihrer Arbeit an der Dresdner Schule begleitet hat. In Gesprächen erzählen sie von Schule, Zukunft, Geld, Armut, Reichtum und Gerechtigkeit. Ein persönlicher Zugang entsteht auch durch die Musik: Jede*r der Jugendlichen durfte ein Lieblingslied auswählen, das im Film zu hören ist.
Die zweite Videoarbeit führt ins Stahlwerk. Sie zeigt einzelne Stationen der Stahlproduktion – von der Anlieferung des Materials im Hafen bis zur Verarbeitung im Werk. Dazu kommt eine eigens komponierte Soundcollage der Klangkünstlerin Antje Meix. Grundlage dafür sind Lieblingslieder, die Beschäftigte während der drei Schichtwechsel nannten. Die musikalischen Fragmente verweisen auf die unterschiedlichen Menschen und Lebensgeschichten, die hinter der industriellen Produktion stehen – darunter auch die Geschichte der Arbeitsmigration.
Die Ausstellung ist Teil des Projekts „KLASSENRÄUME. Kritische Positionen zu sozialer (Un-)Gerechtigkeit“ und läuft bis zum 31. Januar 2027. Der Eintritt ist frei.
Projekt „KLASSENRÄUME“: Vorträge und Workshops im November und Dezember
Die Ausstellung bildet den Auftakt des Projekts „KLASSENRÄUME“. Die begleitende Veranstaltungsreihe nimmt Klassismus in den Blick – also die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder gesellschaftlichen Position. Expert*innen aus Wissenschaft, Literatur, Design, Fotografie und darstellender Kunst laden dazu ein, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu hinterfragen und neue Perspektiven auf soziale Gerechtigkeit zu entwickeln. Dabei geht es auch um die Frage, wer Zugang zu Museen und Kultureinrichtungen findet, wessen Erfahrungen sichtbar werden und welche Hürden Menschen überwinden müssen, um am kulturellen Leben teilzuhaben.
Am Donnerstag, 5. November, spricht Prof. Dr. Francis Seeck von 14 bis 15:30 Uhr über „Zugang verwehrt. Klassismus im Museum“. Der Vortrag zeigt, wie soziale Ausgrenzung in Museen, Sammlungen und Vermittlungsangeboten wirkt – und wie sich diese Orte demokratischer gestalten lassen.
Am Freitag, 6. November, geht es von 15 bis 18 Uhr im Workshop „Klassenverhältnisse im Design. Wo wir stehen und was daraus folgen muss“ mit Quang Nguyen um soziale Herkunft, Ausbildung und Einkommensverhältnisse in der Designbranche.
Verena Brakonier beschäftigt sich am Freitag, 13. November, von 15 bis 18 Uhr mit den „Unsichtbaren Barrieren. Klassismus im Kunst- und Kulturbereich“. Der Workshop fragt, wer sich in kulturellen Einrichtungen willkommen fühlt und welche unausgesprochenen Regeln und Kenntnisse den Zugang erschweren.
Am Samstag, 14. November, lädt Josephine Findeisen von 13 bis 17 Uhr zu „CLASS TROUBLE – Klassenkörper“ ein. Im Mittelpunkt stehen die körperlichen Folgen sozialer Ungleichheit und die Frage, wie sich Klassenzugehörigkeit und gesundheitliche Chancen gegenseitig beeinflussen. Der Workshop verbindet Textarbeit mit Körper- und Entspannungsübungen. Vorwissen ist nicht erforderlich.
Wie Fotografie gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar machen oder verstärken kann, untersucht Alejandra Arévalo am Samstag, 21. November, von 14 bis 17 Uhr. Ihr Workshop trägt den Titel „Soziale Verantwortung in der Fotografie. (K)Ein Thema?!“.
Im Dezember stehen private Fotoarchive im Mittelpunkt: Aslı Özçelik lädt am Samstag, 5. Dezember, und Samstag, 12. Dezember, jeweils von 14 bis 17 Uhr zum Workshop „Familienbilder. Das private Fotoarchiv als klassengeprägter Raum“ ein. Gemeinsam betrachten die Teilnehmenden Familienfotografien und fragen, was diese über Herkunft, Arbeit, Migration, Fürsorge und soziale Zugehörigkeit erzählen.
Den Abschluss bildet am Sonntag, 17. Januar 2027, von 15 bis 17 Uhr ein Vernetzungstreffen für „Klassenreisende“ aus dem Kunst- und Kulturbereich. Es richtet sich an Menschen, die soziale Grenzen überwunden haben und heute in einem akademischen oder kulturellen Umfeld arbeiten.
Kurzinfos + Service:
Workshops und Vernetzungstreffen: Teilnahme kostenfrei; Anmeldung erforderlich bei Claudia Wagner, Leitung Bildung und Vermittlung MKK und Kuratorin des Projekts: cwagner@stadtdo.de, Laufzeit: bis 31. Januar 2027, STADT_RAUM im Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Hansastraße 3, 44137 Dortmund (Eingang Hansastraße). Öffnungszeiten: Mittwoch und Donnerstag 11 bis 20 Uhr, Freitag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Eintritt: frei
Quelle: PRESSE-SERVICE.DE.
