Wenn Dinge Geschichten erzählen: Das MKK zeigt persönliche Erinnerungen

Was erzählen Dinge, wenn nicht Kurator*innen, sondern Menschen aus der Stadtgesellschaft ihre Bedeutung bestimmen? Die Ausstellung „Die Sprache der Dinge. Geschichten von Erinnerung, Alltag und Sehnsucht“ im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) stellt acht Menschen mit ihrem Gegenstand und persönlichen Geschichte dazu vor.

Das Museum öffnet sich für andere Perspektiven

Entstanden ist die Ausstellung mit einem fünfköpfigen Kuratorium, das unterschiedliche Generationen, Lebenswege und Perspektiven zusammenbringt: Magdalena Mijač, Rabia Özay, Dr. Sigrid Yanara Palacios Castillo, Nikolai Provotorov und Miriam Wolter. Sie haben die Objekte ausgewählt und damit eine Präsentation entwickelt, die weniger auf den materiellen Wert der Dinge als auf Erinnerungen, Gefühle und Erfahrungen schaut.

„Jeder hat einen Gegenstand, der einem lieb ist und dem man einen gewissen Wert zuordnet“, sagt Kuratorin Rabia Özay. Die 23-Jährige studiert Kunst und Geschichte auf Lehramt. Für sie war es besonders spannend, „die Person dahinter kennenzulernen“. Für MKK-Direktorin Dr. Tanja Pirsig-Marshall ist genau dieser Perspektivwechsel entscheidend: „Wir wollen ja als Museum auch die Menschen berühren und etwas zeigen, was persönlich für sie eine Bedeutung hat.“

Claudia Wagner, Leitung Bildung und Vermittlung im MKK, beschreibt den Ansatz als bewusste Öffnung der musealen Arbeit. Acht Menschen haben dafür einen Gegenstand zur Verfügung gestellt und erzählt, was er für sie bedeutet: Halima Aziz, Joshua Hoven, Barbara Müller, Emilse Muñoz Rodríguez, Alla Sokolova, Clara Sorzano Hernández, Alisan Tekin und Saray Villa Acosta. Ihre Geschichten handeln von Herkunft und kulturellem Erbe, vom Ankommen und Leben in der Fremde, von Familie und Arbeit, Emanzipation, Identität, Widerstandskraft und Zugehörigkeit.

Ein Stück Kohle oder Schuhe erzählen von Heimat oder neuem Zuhause

Zu den persönlichen Geschichten gehört die von Alisan Tekin. Er zeigt eine Violine seines Vaters. Er spielte auf ihr traditionelle Lieder in der kurdischen Muttersprache der Familie – einer Sprache, die vom Aussterben bedroht ist. Für Tekin wurde das Instrument so zu einem Mittel, Sprache und kulturelles Erbe über Generationen weiterzugeben. „Mein Papa hat diese Violine dafür benutzt, uns die Muttersprache beizubringen“, erzählt er. „Ich bin schon stolz darauf, auch auf die Violine, weil sie dazu beigetragen hat, dass ich meine Muttersprache jetzt sprechen kann. Immer noch.“  

Viele Geschichten kreisen um ein Gefühl des Dazwischen – um verlorene Heimat, das Ankommen in Dortmund und die Suche nach Zugehörigkeit. Claudia Wagner sieht darin eine Verbindung zwischen den unterschiedlichen Objekten. Ein Beispiel sind Schuhe und eine Brosche, die Alla Sokolova zur Verfügung gestellt hat. Beide gehörten ihrer verstorbenen Mutter. Sokolova kam vor einigen Jahren aus St. Petersburg nach Dortmund. Als Kind hatte sie wenig Zeit mit ihrer als Ärztin arbeitenden Mutter. Immer wieder schlüpfte sie in deren Schuhe. Heute versteht sie diese Erinnerung als Versuch, der Mutter auf diese Weise nahe zu sein.

Auch ein scheinbar unscheinbarer Kohlebrocken erzählt von Verbundenheit: Joshua Hoven bewahrt darin die Erinnerung an seinen Großvater. „In diesem Stein ist sein ganzes Leben eingeschrieben“, beschreibt Wagner die Geschichte. Mit den Kristallen habe sich eine neue Erinnerungsschicht auf den einfachen Kohlebrocken gelegt – ein Stück Ruhrgebiet, das zugleich für eine Beziehung zwischen Großvater und Enkel steht.

Eine Schere oder gefärbte Ballettschuhe als Symbol für Eigenständigkeit und Freiheit

Andere Objekte erzählen von gesellschaftlichen Veränderungen. So stehen Ballettschuhe für die Erfahrung einer schwarzen Tänzerin, die ihre Schuhe zu Beginn ihrer Karriere selbst einfärben musste, damit sie zu ihrem Hautton passten. Heute bieten Hersteller Ballettschuhe in unterschiedlichen Hauttönen an. Clara Sorzano Hernandez konnte ihren Traum von der Solotänzerin im Ballett Dortmund tatsächlich verwirklichen. Eine Schneiderschere wiederum steht für die Emanzipation von Frauen. Sie gehörte der Mutter von Barbara Müller, die sich in den 1950er-Jahren mit einem Modesalon selbstständig machte. Für Müller symbolisiert die Schere eine Generation von Frauen, die sich ihren Platz im Berufsleben erkämpfte.

Hintergrund und Kurzinfos:

 „Die Sprache der Dinge“ ist als Begleitausstellung zur Schau „KONSUM.“ konzipiert.

„Die Sprache der Dinge. Geschichten von Erinnerung, Alltag und Sehnsucht“ ist vom 11. September  bis 28. Februar 2027 im MKK zu sehen.

dortmund.de/mkk


Quelle: PRESSE-SERVICE.DE.

Investigativ, lokal verwurzelt, hartnäckig in der Recherche. Konrad Faktenfels bohrt nach, wann andere aufhören zu fragen. Sichere Quellen, klare Haltung, leise Ironie. Seine Texte sind präzise gesetzt, Fakten geprüft, Thesen geschärft wie Kreide auf Schiefertafel.

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